In Entstehung

Gedankentransformationen


Ned lang her, ned weit weg

Ned lang her, ned weit weg

Maria Smettan 2015

1. Stimme
Es is gor ned so lang her,
do hod a Magd scho in junge Johr 25 moi an Arbeitgeber wechseln miaßn.
 
2. Stimme
I gfrei mi,
wenn mi auf da Straß jemand oolächelt.
 
3. Stimme
Es is gor ned so weit weg,
do schiaßn de Leid aufranand.
 
2. Stimme
I gfrei mi,
wenn ma jemand beim Spülmaschin ausramma huift.
 
1. Stimme
Es is gor ned so lang her,
do is as Essen in Deitschland rationiert wordn.
 
2. Stimme
I gfrei mi,
wenn i na oiden Frau de Einkaufstüten naufdrong huif.
 
3. Stimme
Es is gor ned so weit weg,
do vahungan de arma Leid.
 
2. Stimme
I gfrei mi,
wenn i üba mein Schatten spring und mi wieda vatrog.
 
1. Stimme
Es is gor ned so lang her,
do ham bei uns 4 Leid auf 290 Kinder zwischen 2 und 10 Johr aufpasst.
 
2. Stimme
I gfrei mi,
wenn i ma de Zeit nimm und vasuach an bessern Weg zum findn.
 
3. Stimme
Es is gor ned so weit weg,
do wern Handys bis zum umfoin zambaut.
 
2. Stimme
I gfrei mi,
wenn i jemandn a Lächeln ins Gsicht zauber.
 
Ich
I gfrei mi,
wenn de Stimma in meim Kopf de richtige Balance ham.
 

Liebesschmerzen

 

Liebesschmerzen
                                                                                                Maria Smettan 2014
Liebeskummer.
Ein viel zu schwaches Wort.
Kummer ist zu klein.

Schmerz.
Schmerz, der einen ausfüllt.
Liebe, die einen ausfüllt.

Wenn Liebe nicht weh tun kann,
ist sie ein Nichts.
Ein hohles Wort.
Nichts weiter als ein flaches Gefühl.
Oberflächlich ganz schön.
Für eine Weile.
In der innersten Wahrheit kaum da.

Wie traurig.
Traurig, keinen Liebesschmerz spüren zu können.
Nicht lieben zu können.

Mehr als Worte, Gedanken und Emotionen zu sagen vermögen.
Es wahrhaftig zu können.
Tatsächlich lieben zu können.
 

Ein Loch ist im T-Shirt

Anmerkung der Autorin:EinLochistimTShirt
Wir nehmen die materiellen Dinge (Kleidung, Computer, Handy etc.) um uns herum als selbstverständlich wahr und fragen viel zu selten woher sie kommen und unter welchen Bedingungen sie entstanden sind. Man muss nicht die komplette Welt verbessern, aber ich finde man könnte zumindest die materiellen Dinge (Kleidung, Computer etc.) und die Arbeit, sowie vor allem die Menschen, die dahinter stecken, wieder mehr wertschätzen.

 

Ein Loch ist im T-Shirt

Maria Smettan 2015  

Ein Loch ist im T-Shirt Karl Otto, Karl Otto,
ein Loch ist im T-Shirt Karl Otto, was tun?

Kauf dir ein Neues Liebe Liese, Liebe Liese,
Kauf dir ein Neues Liebe Liese, kauf ein!

Wo kann ich Eins kaufen Karl Otto, Karl Otto,
wo kann ich Eins kaufen Karl Otto, woher?

Im Laden kannst du’s kaufen Liese, Liebe Liese,
Im Laden kannst du’s kaufen Liebe Liese, kauf ein!

Woher hat das der Laden Karl Otto, Karl Otto,
woher hat das der Laden Karl Otto, woher?

Ein LKW bringt’s hin Liebe Liese, Liebe Liese,
ein LKW bringt’s hin Liebe Liese, dahin.

Woher hat der LKW das T-Shirt Karl Otto, Karl Otto,
woher hat der LKW das T-Shirt Karl Otto, woher?

Der hat’s vom Händler Liebe Liese, Liebe Liese,
der hat’s vom Händler Liebe Liese, da hat er’s her.

Woher hat das der Händler Karl Otto, Karl Otto,
woher hat das der Händler Karl Otto, woher?

Der hat das von den Nähern Liebe Liese, Liebe Liese,
der hat das von den Nähern Liebe Liese, da hat er’s her.

Woher haben die was zum Nähen Karl Otto, Karl Otto,
woher haben die was zum Nähen Karl Otto, woher?

Das haben die von den Webern Liebe Liese, Liebe Liese,
Das haben die von den Webern Liebe Liese, da kommt das her.

Woher haben die was zu Weben Karl Otto, Karl Otto,
Woher haben die was zu Weben Karl Otto, woher?

Das haben die von den Spinnern Liebe Liese, Liebe Liese,
das haben die von den Spinnern Liebe Liese, da kommt das her.

Woher haben die was zum Spinnen Karl Otto, Karl Otto,
woher haben die was zum Spinnen Karl Otto, woher?

Die haben das von den Bauern Liebe Liese, Liebe Liese,
die haben das von den Bauern Liebe Liese, da kommt das her.

Woher haben die Bauern was zum Spinnen Karl Otto, Karl Otto,
woher haben die Bauern was zum Spinnen Karl Otto, woher?

Die säen und ernten Baumwolle Liebe Liese, Liebe Liese,
die säen und ernten Baumwolle Liebe Liese, jetzt ist’s genug.

Wie viele Leute machen ein T-Shirt Karl Otto, Karl Otto,
wie viele Leute machen ein T-Shirt Karl Otto, wie viel?

Viele! Liebe Liese, Liebe Liese,
Viele! Liebe Liese, ich will meine Ruh.

Wie viel sind viele Karl Otto, Karl Otto,
Wie viel sind viele Karl Otto, wie viel?

Hör auf zu fragen Liebe Liese, Liebe Liese,
hör auf zu fragen Liebe Liese, ich will meine Ruh.

Wie viele stopfen ein Loch Karl Otto, Karl Otto,
Wie viele stopfen ein Loch Karl Otto, wie viel?

Nimm mein Geld kauf dir ein T-Shirt Liebe Liese, Liebe Liese,
Nimm mein Geld kauf dir ein T-Shirt Liebe Liese, ich will meine Ruh!

Asylschmarotzer versus Europäer

Anmerkung der Autorin:Asylschmarotzer
Europäer bescheißen die Ärmeren? Siehe z.B.: „Ein Loch ist im T-Shirt“.
Es gibt nur sehr, sehr wenig Asyl- und Hartz-IV-Bezieher,
die nicht in einer Notlage sind, bewusst bescheißen und somit als Schmarotzer bezeichnet werden können.

Asylschmarotzer versus Europäer

Maria Smettan 2015   

Was ist der Unterschied zwischen Asylschmarotzern, HartzIV-Schmarotzern und Europäern?
Asylschmarotzer und HartzIV-Schmarotzer bescheißen die Reicheren. Europäer bescheißen die Ärmeren.

Was ist der Unterschied zwischen Kino und Realität?
Im Kino wären diejenigen, die die Reicheren bescheißen, die Helden.

Hoffnung

Hoffnung
                                                                                                Maria Smettan 2012
Ich hatte einen Traum,
von einer heilen Welt.

Ich hatte einen Traum,
von einer Gesellschaft ohne Geld,
in der man zusammenhält.

In der ein jeder tut,
was ihm Erfüllung gibt
und das so produzierte Gut
aus freien Stücken jedem weitergibt.

Wem diese Idee hier nicht gefällt,
sollt nach belieben Leben,
nur nicht in den Grenzen dieser heilen Welt.

So sollten alle glücklich sein
und nach freiem Wunsche voneinander profitieren
doch gingen Marx und Engels längst
mit fast der gleichen Grundidee hausieren.

Ich hatte einen Traum gehabt,
von einer scheinbar heilen Welt.

Ich habe eine Hoffnung!
dass es den freien Willen
eines jeden Menschen wirklich gibt.

How hot plates became a symbol of rebellion to a woman

How hot plates became a symbol of rebellion to a woman
(Deutsche Version)                                                                 Maria Smettan 2015

I am a woman and I hate it, when people (especially other women) think I have to help cleaning the dishes because of that.

I wonder if men hate it, when people (especially other men) assume they would love to do the barbecuing.

The likelihood that hot plates became a symbol of rebellion to me had definitely been below 0.1%.

If a paternity-test results in 99.9% likelihood that a specific man is the father, no one ever considers the other 0.1%.

In consequence I must have hit the improbability-drive-button to end up rebelling with hot plates.

So I went abroad for half a year and like in any improbability-drive the destination has been a bit random. To be honest, I had to look it up on a map. Being a lazy person it was wonderful to simply apply for an accommodation instead of searching on my own. In the application form you could choose between self-catered and catered rooms. The catered rooms included a certain amount of money for a catering card within the rent, because there wasn’t any space to cook provided. In the rent of the self-catered rooms you could optionally include the catering card. The money on the catering card was debited from your bank account whether you actually did or didn’t spend it. At the end of each month any credit left on the catering card simply expired.

Pretty soon we found out that everyone, who would have taken a catering card anyway, got the self-catering rooms. Those, who explicitly didn’t want a catering card, got the catered rooms. Thus, they had to pay for a catering card as well.

I am sure there must have been some innocent mistake behind it and no economic reasons whatsoever.

No need to tell that I got a catered room and that one of my first actions was to buy some hot plates.

Those of you, who think this story is almost over, are quite mistaken, because it got even curiouser and curiouser.

At first I put the hot plates in the common kitchen. Yes, the catered rooms had a very tiny kitchen with a kettle, a toaster, a sink and a fridge in it.

Believe it or not, we had a paid mentor who had to come around and look after our well-being. He took his job very seriously and reported our newest addition. The next time he visited, he informed us to get rid of the hot plates. He added that the university is very concerned about our well-being and that we might cause a fire with the plates.

Dear people at home, if you have any regard for your safety and that of those around you: Stop cooking at home to prevent fires!

Again this decision wasn’t motivated by any economic considerations. The people in the self-catered rooms could cancel their catering card at any time, because they had the opportunity to cook for themselves.

By the way, it is pretty easy to put a toaster accidentally on fire. Nevertheless, we were allowed to keep the toaster and not to mention the kettle. In my youth I have learned by my school director that a kettle is indeed a very dangerous device.

Back in those days we had persuaded our teachers to keep a kettle in the classroom. In the classes the teachers allowed it we drank instant coffee and tea. However, very soon we had to remove the kettle from the classroom. Our director told us, it was too dangerous, we could cause a fire.

The real reason for it must have had something to do with the fact that whine was allowed at our school graduation party and beer wasn’t. Appearances mattered deeply to our director.

After using a kettle safely for many years, I was pretty sure I wouldn’t set the house on fire by using the hot plates.

Thus, I simply removed them from the kitchen and put them in my own room.

I have to admit, cooking is so much more fun when it is forbidden. You have to consider when the mentor might make his round, so that he doesn’t smell freshly cooked food.

Very exciting.

I have never enjoyed cooking so much in my entire life, and so far haven’t again.

At the end of my stay abroad I donated the hot plates to Oxfam. While handing them over I suddenly realised how deeply attached I’ve grown to them.

They had become far more than simply hot plates to me. I grew aware that they symbolised an act of rebellion to me.

A rebellion against silly rules and walking mindlessly in line. I realised that I do make my own decisions every day and that I do not have to follow every rule there is.

And I realised something else.

This must have been the first time in history that hot plates became a symbol of rebellion to a woman.

Wie Kochplatten zu einem Symbol für Rebellion für eine Frau wurden

Wie Kochplatten zu einem Symbol für Rebellion für eine Frau wurden
(English version)                                                                                   Maria Smettan 2015

Ich bin eine Frau und kann es nicht ausstehen, wenn Andere (insbesondere andere Frauen) meinen, ich müsste beim Abspülen helfen, weil ich eine Frau bin.

Ich frage mich, ob Männer es nicht ausstehen können, wenn Andere (insbesondere andere Männer) davon ausgehen, sie würden mit Freude den Grillmaster spielen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass für mich Kochplatten je zu einem Symbol für Rebellion würden, lag auf jeden Fall unter 0,1%.

Wenn das Ergebnis eines Vaterschaftstests mit 99,9% Sicherheit feststellt, dass ein bestimmter Mann der Vater ist, denkt niemand über die restlichen 0,1% nach.

Folglich muss ich den Knopf für den unendlichen Unwahrscheinlichkeitsdrive gedrückt haben um bei einer Rebellion mittels Kochplatten zu landen.

Ich bin also für ein halbes Jahr ins Ausland gegangen und wie bei jedem unendlichen Unwahrscheinlichkeitsdrive war das Ziel eher zufällig gewählt. Um ehrlich zu sein musste ich es erst auf einer Karte nachschlagen.

Nachdem ich eine eher faule Person bin, war ich sehr glücklich, dass man statt selber nach einer Unterkunft zu suchen sich einfach für einen Wohnheimsplatz bewerben konnte. In dem Bewerbungsformular hatte man die Qual der Wahl zwischen Unterkünften mit Möglichkeit zum Kochen und ohne diese. Bei den Unterkünften ohne Kochmöglichkeit war ein festgelegter Betrag für eine Mensakarte in der Miete inbegriffen.

Das Geld für die Mensakarte wurde vom Konto abgebucht, unabhängig davon, ob man dieses jemals ausgab. Zum Monatsende verfiel das Restguthaben schlichtweg und einfach.

Bei den Unterkünften mit Kochmöglichkeit konnte man optional den Betrag für die Mensakarte in die Miete mit einbeziehen lassen.

Ziemlich schnell fanden wir heraus, dass alle, die ohnehin eine Mensakarte genommen hätten, die Unterkünfte mit Kochmöglichkeit zugewiesen bekamen. All jene die explizit keine Mensakarte wollten,  bekamen eine Unterkunft ohne Kochmöglichkeit und mussten damit zwangsweise für eine Mensakarte zahlen.

Ich bin mir sicher, dass dahinter ein harmloser ungewollter Fehler steckt und natürlich kein finanzieller Beweggrund.

Es erübrigt sich wohl zu erwähnen, dass ich eine Unterkunft ohne Kochmöglichkeit zugeteilt bekam und ich ziemlich als erste Amtshandlung transportable Kochplatten gekauft habe.

Diejenigen von euch, die jetzt meinen damit wäre die Geschichte fast vorüber, liegen weit daneben, denn es wurde ülkiger und ülkiger.

Zunächst stellte ich die Kochplatten in die winzige Gemeinschaftsküche. Ja, die Unterkünfte ohne Kochmöglichkeit hatten eine sehr kleine Gemeinschaftsküche mit einem Wasserkocher, einem Toaster, einem Spülbecken und einem Kühlschrank.

Glaubt es oder auch nicht, aber wir hatten tatsächlich einen bezahlten Mentor, der vorbei kam um sich um unser Wohlergehen zu kümmern.

Er nahm seinen Job sehr ernst und stattete Bericht über unsere Küchenergänzung ab. Bei seinem nächsten Besuch wies er uns darauf hin, dass wir die Kochplatten zu entfernen hätten. Er ergänzte, dass die Universität sehr besorgt um unser Wohlergehen ist und zu befürchten steht, dass mit den Kochplatten ein Feuer ausgelöst wird.

Liebe Leute zu Hause, falls ihr euch irgendwie um eure Sicherheit und die der Menschen um euch herum sorgt: Hört auf zu Hause zu kochen, das verhindert Wohnungsbrände!

Natürlich war diese Entscheidung wieder nicht durch irgendwelche finanziellen Beweggründe motiviert.

Die Bewohner der Unterkünfte mit Kochmöglichkeit konnten ihre Mensakarte jederzeit kündigen, da sie eine Möglichkeit zum kochen besitzen.

Ganz nebenbei bemerkt ist es ziemlich einfach versehentlich einen Toaster zum brennen zu bringen. Den Toaster durften wir aber behalten und den Wasserkocher auch. Dabei hatte ich doch in meiner Jugend gelernt, dass ein Wasserkocher in der Tat ein sehr gefährliches Gerät sein kann.

Damals hatten wir nämlich unsere Lehrer überredet einen Wasserkocher im Klassenzimmer zu haben. In den Unterrichtstunden, in denen es die Lehrer erlaubten, tranken wir Pulverkaffee und Tee. Allerdings mussten wir bereits sehr bald den Wasserkocher wieder aus dem Klassenzimmer entfernen. Unsere Direktorin wies daraufhin, dass der Wasserkocher sehr gefährlich sei und dass wir einen Brand damit auslösen könnten.

Die wahren Beweggründe dafür müssen etwas damit zu tun haben, dass bei unserer Abiturfeier Wein erlaubt war und Bier nicht. Der äußere Schein spielte eine große Rolle für unsere Rektorin.

Nachdem ich bereits einige Jahre gefahrlos einen Wasserkocher verwendet hatte, war ich mir sicher ich würde keinen Wohnungsbrand mit den Kochplatten auslösen.

Folglich habe ich die Kochplatten einfach aus der Küche genommen und in mein Zimmer gestellt.

Ich muss gestehen Kochen macht so viel mehr Spaß, wenn es verboten ist. Man muss nachdenken, wann der Mentor wohl seine nächste Runde macht, damit er nicht frisch gekochtes Essen riecht.

Sehr aufregend.

Ich habe es in meinem ganzen Leben noch nicht so genossen zu kochen, und es seitdem auch nicht mehr getan.

Am Ende meines Auslandsaufenthalts habe ich die Kochplatten an Oxfam gespendet. In dem Moment in dem ich sie hergab, habe ich plötzlich gemerkt wie sehr sie mir ans Herz gewachsen sind.

Sie sind für mich weit mehr als nur simple Kochplatten geworden. Ich habe plötzlich bemerkt, dass sie für mich zu einem Symbol für Rebellion geworden sind. Eine Rebellion gegen unsinnige Regeln und stupides mitlaufen in der Herde. Mir wurde klar, dass ich täglich meine eigenen Entscheidungen treffe und nicht jede Regel, die es gibt, befolgen muss.

Und noch etwas wurde mir klar.

Das muss das erste Mal in der Geschichte sein, dass Kochplatten zu einem Symbol für Rebellion für eine Frau wurden.

 

Der Weg

Der Weg

DerWegMaria Smettan 2013    

Der Weg ist das Ziel,
das behaupten viel,
doch scheint das nicht immer richtig
wie man ihn geht, erlebt, begreift,
experienced, frohlockt, durchleidet,
ausschweift, durchfliegt, betritt, durchschreitet,
mit jenem, das einen im Innersten zusammenhält
scheint eher wichtig.

Die Bildungsschere – Kinder an die Wahl

Die Bildungsschere – Kinder an die Wahl

Maria Smettan 2015

„Eine der zentralen Ungerechtigkeiten in diesem Land lässt sich in drei Zahlen zusammenfassen: 100 – 77 – 23. Von 100 Akademikerkindern beginnen 77 ein Hochschulstudium, in Nicht-Akademiker-Haushalten schaffen es nur 23 Kinder an die Universität.“
Alex Rühle, Soziale Gerechtigkeit in Deutschland. Dummköpfe ante portas, Süddeutsche Zeitung 3. April 2015, 19:10 Uhr, online-Ausgabe.

Diese 23 Nicht-Akademiker-Kinder werden dafür gelobt, gerühmt und respektiert, dass sie es trotz widriger Umstände zu einem Studium geschafft haben. Diese Anerkennung bekommen die Akademiker-Kinder, die sich trotz widriger Umstände durchgesetzt haben z.B. einen handwerklichen Beruf zu erlernen, nicht.
Wieso eigentlich nicht?
Wann hat unsere Gesellschaft verlernt das Handwerk zu Bewundern und zu Schätzen?
100-77-23 steht nicht nur dafür, dass Nicht-Akademiker-Kinder sehr viel seltener studieren. Es steht dafür, dass alle Kinder in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt werden.
Unsere Gesellschaft ist wie selten zuvor bemüht die Kinder als Individuen zu betrachten und scheitert daran grandios.
Schon im Kleinkindalter beginnt heute die individuelle Förderung des Kindes passend zu dessen speziellen Begabungen. Schade, dass dieser Ansatz danach scheinbar völlig verloren geht. Auf einmal ist es nicht mehr wichtig, ob das Kind eher handwerklich oder akademisch begabt ist. Auf einmal zählt primär die Herkunft des Kindes, ein Akademiker-Kind gehört zu Akademikern und ein Nicht-Akademiker-Kind zu den Nicht-Akademikern.

Was das Kind selbst möchte, rückt in den Hintergrund. Schlimmer noch, die meisten Kinder werden nicht mal angeregt darüber nachzudenken, was sie wollen. Ob ein Studium oder eine Ausbildung sie ihrer Meinung nach glücklicher macht. Ob sie lieber alleine im Büro oder mit vielen Menschen zusammen arbeiten wollen. Ob sie lieber drinnen oder draußen arbeiten wollen. Ob sie lieber mit den Händen oder lieber geistig arbeiten wollen.
Da ist es kein Wunder, dass viele in einem Job landen, der ihnen nicht gefällt. Einem Job der nicht ihren Eignungen entspricht. Einem Job in dem sie ausbrennen, weil er zu viel nimmt und zu wenig gibt.
Es ist an der Zeit den Kindern ihre Freiheit zu zeigen, sie selbst entscheiden zu lassen.
Natürlich wissen viele Kinder in der 4. Klasse nicht, was sie werden wollen oder entscheiden sich später um. Unter anderem deshalb wird zu Recht regelmäßig die Abschaffung des jetzigen Bildungssystems diskutiert. Was die Gesellschaft dabei jedoch vergisst, ist, dass das deutsche Bildungssystem bei weitem nicht so starr ist, wie oft angenommen. Man kann durchaus von der Hauptschule auf das Gymnasium und von der Realschule auf das Gymnasium wechseln. Es ist auch möglich nach einem Hauptschulabschluss eine Berechtigung zum Studium zu erlangen.
Diese Ausbildungswege werden jedoch sehr selten genutzt. Sie sind wohl in Vergessenheit geraten, denn wer sollte sie auch beschreiten?
Akademiker-Kinder sollen auf ein Gymnasium, Nicht-Akademiker-Kinder lieber auf eine Realschule oder Hauptschule. Da ist kein Bedarf die Schulwahl nach der 5./8. Klasse erneut zu überdenken, denn offenbar steht diese für viele bereits bei der Geburt fest. 100-77-23.

Große Erwartungen

Große ErwartungenGroßeErwartungen

Maria Smettan 2013

Das gesellschaftliche Kollektiv
glaubt etwas plakativ.
Alle: Aus Fels ist es dahingestellt,
so manch einer daran zerschellt.

Ein jeder weiß das ganz genau,
ein hoher Posten das ist eine Schau.
Alle: Aus Fels ist es dahingestellt,
so manch einer daran zerschellt.

Man braucht heute einen möglichst guten Lebenslauf.
Dafür nimmt man Praktika, Auslandsaufenthalt und Rezitieren gern in Kauf.
Alle: Aus Fels ist es dahingestellt,
so manch einer daran zerschellt.

Ein reicher Mann
das ist ein guter Fang.
Alle: Aus Fels ist es dahingestellt,
so manch einer daran zerschellt.

Liegt zu Hause etwas im Argen,
ist es öffentlich unter Verschluss zu tragen.
Alle: Aus Fels ist es dahingestellt,
so manch einer daran zerschellt.

Ein Profisportler hat zu funktionieren,
ein Profisportler hat zu repräsentieren.
Alle: Aus Fels ist es dahingestellt,
so manch einer daran zerschellt.

Eltern wünschen sich für ihre Kinder:
das Beste, nicht mal Wunder.
Alle: Aus Fels ist es dahingestellt,
so manch einer daran zerschellt.

Wer äußerlich ein wenig aus sich macht,
hat’s oft doch noch zu was gebracht.
Alle: Aus Fels ist es dahingestellt,
so manch einer daran zerschellt,
denn das gesellschaftliche Kollektiv
glaubt etwas plakativ.